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EIN WECKRUF AUS DEM „BEAUTIFUL TRAUMA“

Sieben piekfeine Outfits, sieben Zimmer in knalligen Farben und eine Menge Beziehungschaos. Die Pop-Sängerin P!nk lässt mit dem Musikvideo ihres aktuellen Hits „Beautiful Trauma“ zwei Welten aufeinander prallen: Eine Kitschwelt trifft auf eine scheinbar perfekte Ehe. Nun, so unterhaltsam wie das Video auf den ersten Blick sein mag, so transportiert es eine klare Message, die – wie wir es von P!nk gewohnt sind – unsere Gesellschaft wachrütteln soll.

 Mit den 50er-Jahren zurück ins Jetzt

Am 21. November dieses Jahres erschien das Musikvideo zu P!nks „Beautiful Trauma“. Man könnte es tatsächlich einen Hollywood-verdächtigten Auftritt nennen. Denn die parodierten Charaktere des Musikvideos sind keine geringeren als die Oscar-Preisträgerin Ginger Rogers und ihr Leinwandpartner aus den 50er-Jahren Fred Astaire – gespielt von P!nk und Schauspieler Channing Tatum. In dieser Version heißen sie jedoch Ginger Hart und Fred Hart, was auf die Verbindung zu P!nks Ehe mit Cary Hart aufmerksam macht. Somit verweist die Sängerin zwar auf ihr eigenes Leben, zeigt aber dennoch, dass ein „Beautiful Trauma“, ein wunderschönes Trauma, Teil jedes Lebens ist.

Nun aber ganz von vorn: Gleich zum Anfang des Videos taucht man in die rosa Welt des Ehepaars ein. Es ist Morgen, Ginger setzt ihre Schlafmaske ab und beginnt von ihren Erinnerungen aus alten Zeiten zu singen: „We were on fire. I slashed your tires. It’s like we burned so bright we burned out.“ Im pinken Nachthemd tanzt sie durch das Schlafzimmer und weckt sogleich ihren Fred auf. Anschließend geht es vom Wohnzimmer und dem erfolglosen Bügeln über in die Küchenszene, in der Ginger ihrem Liebsten mit einem Kuchen eine Freude machen will. Doch anstatt des angebrannten Kuchens tankt Fred neue Energie, indem er sich Schnaps in den Kaffee mischt. Derweil schluckt seine Frau Ginger ihre Pillen:

 

 „The pill I keep taking. The nightmare I’m waking. There’s nothing, no nothing, nothing but you. My perfect rock bottom. My beautiful trauma. My love, my love, my drug, oh“

 

Diese scheinen zu wirken, denn das grelle Licht der zitronengelben Küche wechselt plötzlich auf grün und Ginger beginnt ihr gestreiftes Kleid mit Petticoat à la 50er-Jahre zu schwingen und legt eine Tanzeinlage mit Fred ein. Ähnliche Handlungsmuster wiederholen sich in den nachfolgenden Szenen und es wird klar: Dieses Pärchen führt alles andere als eine „normale“ Ehe. Trotzdem haben sie Spaß und genießen ihr Leben – wenn auch auf Umwegen. Ist es das, was P!nk mit diesem Song zum Ausdruck bringen will?

Die pinke Realität

P!nk im Musikvideo von „What About Us“ – ein weiterer Hit des Albums „Beautiful Trauma“. © Fernando Fernandes via Pexels

Die Antwort auf diese Frage liegt im gleichnamigen Album „Beautiful Trauma“, das am 13. Oktober dieses Jahres erschienen ist. Die Sängerin sagt von sich selbst, dass sie eine Person ist, die das Weltgeschehen beobachtet. „Die Situation im Moment ist schrecklich. Es ist schrecklicher als je zuvor“, äußert sie im Interview in der TV-Show ET Canada. „Wir gehen alle durch traurige und schmerzvolle Situationen. Damit meine ich jeden einzelnen, denn früher oder später sind wir alle mit Problemen konfrontiert. Dann schauen wir nach draußen in die Welt und was wir sehen, ist beängstigend. Es ist ein Trauma.“ Trotzdem gäbe es auch so viele wunderschöne Momente, in denen man lachen und genießen kann. „Genau diese Momente sind es, an die wir uns erinnern müssen“, sagt die zweifache Mutter.

 

So zeigen uns Ginger und Fred Hart, dass eine perfekt inszenierte Welt die wahren Probleme nicht vernichten kann. Dabei greift das Musikvideo sogar die Gender-Thematik auf, als Fred heimlich ein pastellgelbes Kleid mit Strass-Applikationen anzieht. P!nk setzt auch hier ein klares Zeichen und ruft zu Offenheit auf, indem sie sich selbst in einen Männeranzug wirft und ihren etwas verlegenen Mann zum Tanz auffordert. Bis zum Schluss des Videos spielt die Geschichte mit ausgelassenem Vergnügen, einer guten Prise Kitsch und einem Hauch Verzweiflung. Letztlich sind es genau diese Teile des Lebens, die in unserer Welt momentan entscheidende Rollen spielen. Die Leute amüsieren sich, reden die Dinge schön und kämpfen gleichzeitig mit Überforderung und Verzweiflung. Ob die Künstlerin diese Botschaft zusätzlich als erneuten Aufruf an „Mr. President“ richtet? „Das werde ich tatsächlich oft gefragt“, antwortet die Sängerin gegenüber ET Canada. „Leider wüsste ich jedoch nicht, was ich diesem Menschen sagen soll. Doch meiner Meinung nach haben sämtliche Regierungen versagt“. Nun, dann liegt es wohl hauptsächlich an uns, unsere Welt zu ändern. Ein gelungener Weckruf, liebe Ginger Hart, du darfst deine Schlafmaske wieder aufsetzen. Für uns wird es hingegen Zeit, die rosa Brille abzusetzen und aus dem „Beautiful Trauma“ eine Beautiful World zu machen.

 

Titelbild P!nk Konzert © Wikimedia

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