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„SIE HAT DARUM GEBETEN“

Der Hashtag „Me Too“ dominierte vor nicht allzu langer Zeit die sozialen Netzwerke und ist auch jetzt noch auf Twitter zu finden. Bis heute wurde er fast zwei Millionen Mal getwittert. Von Frauen auf der ganzen Welt, die sexuell belästigt worden sind, und ihn nutzen, um auf ihre Geschichte aufmerksam zu machen. Gestartet hat die Kampagne die Schauspielerin Alyssa Milano, nachdem der Hollywood-Regisseur Harvey Weinstein von immer mehr Frauen beschuldigt wurde, sie sexuell belästigt oder vergewaltigt zu haben. Die Frauen hinter der #MeToo-Bewegung wurden vom amerikanischen Magazin „Time“ zu den Personen des Jahres gekürt. Dass ein Fall wie dieser jahrelang nicht an die Öffentlichkeit gelangte und totgeschwiegen wurde, scheint in unserer Gesellschaft allerdings nichts Ungewöhnliches zu sein. Vor allem wenn mächtige Männer die Täter sind. Auch in der Musik wird das Thema selten und wenn eher in Andeutungen verarbeitet.

Es gibt jedoch Ausnahmen: Heute vor genau 24 Jahren veröffentlicht eine Band einen Song, der sich ganz eindeutig mit dem Problem beschäftigt – sie muss dafür aber auch Kritik einstecken.

„Rape me, rape me my friend“ – mit diesen Songzeilen provoziert die aus Seattle stammende Grunge-Band Nirvana 1993. Am 6. Dezember veröffentlichen Kurt Cobain, Krist Novoselic und Dave Grohl die zweite Singleauskopplung des Albums “In Utero”. Sie trägt den demonstrativen Namen Rape Me. Zusammengesetzt aus beinahe den gleichen Akkorden wie der Hit Smells Like Teen Spirit, klingt Rape Me zwar auch aggressiv, gleichzeitig aber auch traurig und verzweifelt. Die Lyrics, geschrieben vom Leadsänger Kurt Cobain wiederholen sich, wirken simpel, haben aber eine stärkere Aussage als beim ersten Hören vielleicht zu erkennen ist.


Rape me, rape me again
I’m not the only one

Hate me
Do it and do it again
Waste me
Rape me, my friend


Cobain singt aus der Sicht einer Frau, die scheinbar darum bittet, vergewaltigt zu werden – immer und immer wieder. Warum sie das tut, ist erst mal unklar.

„She was asking for it“ – im englischsprachigen Raum wird dieser Satz häufig in Verbindung mit sexueller Belästigung und Vergewaltigung gebracht. Er bedeutet so viel wie „die Person habe darum gebeten“. Wie soll sie das getan haben? Durch ihr Auftreten, vielleicht auch ihren Ruf und ihre Kleidung. Ob schwarz umrandete Augen oder gar kein Make-up, ein eng-anliegendes Kleid oder ein weiter Hoodie, ein tiefer V-Ausschnitt oder Rollkragen, jeder kann, zumindest in den westlichen Ländern, selbst entscheiden, wie er oder sie sich kleidet. Wie wir uns anziehen, spiegelt unsere Stimmung und unsere Persönlichkeit wider. Ein Problem liegt dabei nicht an der Kleidung selbst, sondern eher an den damit verbundenen Assoziationen. Warum ist ein kurzer Rock promiskuitiv und nicht mutig? Wer sagt, dass alle, die sich ausgefallen anziehen, anderen gefallen und hervorstechen wollen?

 

Vergewaltigungsopfer müssen sich auch heute noch (zu oft) dem Vorwurf stellen, sie hätten doch etwas dagegen tun können. So auch im Jahr 2014, als Robert Camp, Richter am kanadischen Bundesgericht, das 19-jährige Vergewaltigungsopfer fragt, warum sie nicht „einfach ihre Beine geschlossen halten konnte“. Er rechtfertigt seine Aussage durch eine weitere: „Warum hat sie es überhaupt dazu kommen lassen, wenn sie es nicht wollte?“ Er behauptete also indirekt, sie habe darum gebeten. Und anscheinend muss sich jedes Opfer der Anschuldigung stellen, ob es danach gefragt hat und „vergewaltige mich!“, „rape me!“ gerufen hat.

 

Als Kurt Cobain in den Neunzigern Rape Me schreibt, ist es für ihn ein aufklärerischer Song, „der Frauen unterstützt und sich mit Vergewaltigung auseinandersetzt“, wie er dem Musikmagazin Rolling Stone erklärte. Es ist eine Antwort auf den Nirvana-Song Polly, der auf einer echten Meldung basiert. 1987 wird eine 14-Jährige auf dem Heimweg von einem Konzert von einem Mann namens Gerald Friend entführt und anschließend vergewaltigt. Cobain schreibt den Song aus der Sicht dieses Vergewaltigers, der das Mädchen gefangen gehalten und misshandelt hat. Diese Perspektive stieß auf die Kritik, dieses empfindliche Thema nicht vorsichtig genug, zu drastisch inszeniert zu haben.

Trotzdem schreibt Cobain den Song Rape Me, quasi als eine Fortsetzung und aus der Sicht von eben dieser jungen Frau, die sich im Song gegen ihren Peiniger wehrt. Dass das Lied provokant ist und ein Tabuthema anspricht, ist Cobain schon beim Schreiben bewusst, doch er empfand es trotzdem als notwendig, darüber zu berichten.

 

„Die Frage war nur: Wie dick sollte ich auftragen? Schließlich ist es kein schönes Bild. Aber eine Frau die vergewaltigt wird, die außer sich ist … es ist wie: Na los, vergewaltige mich, mach schon, denn du bist auch noch dran. Ich glaube fest an ein Karma, und dieses Schwein bekommt schon noch, was es verdient … Also vergewaltige mich, mach schon, bring’s hinter dich. Denn dir wird’s noch schlimmer gehen.“

 

Dass Cobain darauf anspielen könnte, dass der Täter ins Gefängnis kommt und dort selbst vergewaltigt wir, wurde von einigen Medien kritisiert. Bestätigt hat er diese Intention allerdings nie.

 

Sexuelle Belästigung, Missbrauch und Vergewaltigung werden heute immer noch tabuisiert. Das zeigt eben auch der Fall vom Hollywood-Regisseur Harvey Weinstein, der jahrelang zahlreiche Schauspielerinnen belästigt und vergewaltigt haben soll, sich aber niemand dazu äußerte. Alle, die davon wussten, aber nichts gesagt haben, haben seine Taten ermöglicht. Und auch in weniger prominenten Fällen könnte es schon helfen, den Opfern zu zeigen, dass sie nicht alleine sind.
Das heißt, wir sollten Opfern durch laute Statements zur Seite stehen. Wie das Problem in der Musik verarbeitet wird, ist letztlich abhängig vom Künstler. Doch allein, wenn sich Songs mit sexueller Belästigung befassen, würde das die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf Themen wie diese lenken und sie würden nicht noch mehr tabuisiert werden. Die musikalische Umsetzung bleibt jedem Sänger, jeder Songwriterin selbst überlassen. Doch vielleicht ist es manchmal wirklich das Richtige, dick aufzutragen.

 

Wenn auch Du von körperlicher, seelischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen bist, findest Du hier Hilfe.

 

Titelbild: Collage von Vivian Harris
Rape Me-Schriftzug (Sticker) © Geffen Records. Gefunden bei Wikimedia