HELD, AUßENSEITER, IKONE

David Bowie Editorial 1/2

Image-Wandel sind in der Kreativbranche gang und gäbe. Manchmal verhelfen sie dem Künstler zu neuem Ruhm, manchmal bringen sie mehr Peinlichkeit mit sich. So wird der harte Rocker schon mal zum einfühlsamen Schmusesänger und der brave Kinderstar zum aufreizenden Vamp. Das Image eines Musikers spiegelt sich nicht nur in seinen Songs, sondern auch in seinem Aussehen wider. Da kann es also auch gut sein, dass ein Mod mit blondem Pilzkopf zum androgynen Rockstar mit orange gefärbten Haaren, und der Name David Jones zu Ziggy Stardust wird. Besser bekannt unter seinem Künstlernamen David Bowie, änderte er sein Aussehen und seine Musik ständig. Doch es war weit mehr als ein Image-Wandel; denn trotz der ständigen Veränderung hatte Bowie immer einen Wiedererkennungswert, der ironischerweise genau diese Veränderung war.

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David Bowie 1967 © Wikimedia

David Bowies ungewöhnliches Leben fängt ziemlich gewöhnlich an: als David Robert Jones wächst er im Londoner Stadtteil Brixton auf. Schon als Kind trägt er seine Haare anders als die anderen, hört andere Musik. Das verdankt er seinem älteren Halbbruder Terry, der ihm Jazz näherbringt, und seinem Vater, der ihm eine Platte von Little Richards schenkt. Den androgynen Rock’n’Roll-Musiker bezeichnet er später als Idol seiner Kindheit.

„Ground Control to Major Tom“ – 1969 gelingt Bowie der Durchbruch mit der Single Space Oddity, die heute noch zu den größten Werken der Popmusik zählt. Tatsächlich wirkt der Song um „Major Tom“, durch das Stylophon, das Bowie selbst spielt, wie aus einem fremden Universum. Es war eben etwas ganz anderes als Sugar Sugar von The Archies oder Frank Sinatras My Way, die im selben Jahr die Charts erobern.

Gerade als man sich an den abgespacten Lockenkopf gewöhnt hat, hat David Bowie 1970 schon wieder andere Pläne. Mit seinem Album The Man Who Sold The World wendet er sich von den Pop- und Folkklängen aus Space Oddity ab und kreiert einen gitarrenlastigen Rock-Sound. Das Album promotet er mit einer Langhaarfrisur und im Frauenkleid. Auf einen beleidigenden Kommentar antwortet er nur: „Ich sehe wunderschön aus.“

Mit seinen androgynen Looks stellte sich Bowie mutig gegen soziale Vorurteile. So auch mit seiner wohl bekanntesten Figur, dem bisexuellen Alien-Rockstar Ziggy Stardust. Entsprungen aus dem Konzeptalbum The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars, das heute dem Glam-Rock zugeordnet wird, ist Ziggy ein drogenabhängiger, pazifistischer Rockstar. Die Kombo hört sich nicht nur für damalige Verhältnisse ungewöhnlich an. Man musste einfach hinschauen, weil man nicht genau wusste, was man überhaupt sah. Die berühmte Vokuhila-Frisur kreierte die Frieseurin Suzi Fussey. Trotz der orange gefärbten Haare und des weiblichen Make-Ups wirkte der Mann, der zuvor noch die Welt verkauft hatte, nicht verkleidet, sondern wie wir heute gerne sagen, authentisch. Der Modedesigner Alexander McQueen brachte es auf den Punkt:

“Es ging nicht darum was er getragen hat, sondern um das Gefühl, das er vermittelte. Es war sein wahres Ich und genau das war so stark.”

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Collage zusammengesetzt aus Bildern von
David Bowie als Halloween Jack 1974 © Wikipedia
„Tokyo Pop” Bodysuit von Kansai Yamamoto © Wikimedia

Den Look behält er auch für seine nächste Rolle bei, erweitert ihn aber um einen rot-blauen Blitz quer über dem Gesicht. Was heute ein gern getragenes Halloween-Kostüm ist, war die nächste Rolle des Künstlers. Nach seiner US-Tour verfällt er in eine Kokain-Sucht; sein abgemagerter Körper und sein kritischer seelischer Zustand inspirieren ihn zu Aladdin Sane. Der Name entsteht aus einem Wortspiel: „a lad insane“, „ein geisteskranker Junge“, war also weit mehr als eine Rolle, sondern tatsächlich sein aktueller Zustand. Auch modisch brach Bowie wieder mit konventionellen Rollenbildern. Auf der Aladdin Sane Tour trägt er einen gestreiften Bodysuit von Kansai Yamamoto, der eigentlich für Frauen konzipiert war.

 

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David Bowie als Thin White Duke © Wikimedia

Doch irgendwann haben die Charaktere mehr Fans als die Person dahinter. Am 3. Juli 1973 gibt David Bowie sein letztes Konzert als Ziggy Stardust mit der Band The Spiders From Mars. Gerade rechtzeitig für seinen nächsten Charakter, den kontroversen Thin White Duke. Kontrovers deshalb, weil Bowie ihn als „faschistischen Typen“ beschrieben hat. Später distanziert er sich von dieser Figur. Als Thin White Duke trägt er auf der Isolar-Tour 1976 eine enge schwarze Anzugweste über einem weißen Hemd mit streng zurückgekämmten Haaren, performt Songs, wie das über zehnminütige Stück Station to Station, in dem er seinen aktuellen Charakter besingt.

 

Nach der berühmten Berliner Zeit zusammen mit Iggy Pop, die Hits wie Heroes hervorbringt, kommt in den Achtziger Jahren wieder eine neue Seite von David Bowie zum Vorschein. Sein 15. Studioalbum „Let’s Dance“ ist mit fast 11 Millionen verkauften Tonträgern das meistverkaufte Album und dem Künstler zufolge auch das optimistischste. Der gleichnamige Titelsong erreicht in vielen Ländern Platz eins der Charts und ist heute ein Klassiker auf dem Dancefloor. Im Jahr 1983 hat sich Bowies Look zu einem konventionelleren gewandelt: er kombiniert einfarbige Anzüge mit Krawatten und einer blonden Haartolle. Im Video zum Post-Disco-Song besingt er außerdem rote Schuhe, der Song hatte aber eine tiefergehende Bedeutung. Laut Bowie war es eine direkte Erklärung gegen den Rassismus. Er bewies so durch seine Musik, mehr als durch sein Äußeres, Courage. Mehr in Editorial Visual


“I’ve found that every time I’ve made a radical change, it’s helped me feel buoyant as an artist.”
David Bowie hatte viele Gesichter (und viele Namen). Er fiel auf, keine Frage. Doch es wirkte nie so, als schlüpfte er nur deshalb in die verschiedenen Rollen. Er tat es gewissermaßen für sich selbst.

„I always had a repulsive need to be something more than human. I felt very puny as a human. I thought, ‘Fuck that. I want to be a superhuman’.“

Wenn wir heute, fast zwei Jahre nach David Bowies Tod, an ihn denken, denken wir an diesen „Supermenschen“ zurück. An einen Mann mit rotem Vokuhila und Blitz im Gesicht, an einen zerbrechlichen Bühnendarsteller, ein androgynes Wesen in bunten Anzügen. Und vielleicht auch an David Jones, den Jungen aus Brixton, der die Musikwelt verändert hat und vom Außenseiter zur Ikone wurde.

 

Collage im Titel zusammengesetzt aus Bilder von
David Bowie mit bei der Serious Moonlight Tour 1983 © Wikimedia
David Bowie als Thin White Duke 1976 © Wikimedia
David Bowie im roten Anzug 1987 © Wikimedia
Albumcover von Let’s Dance © Flickr

4 Kommentare zu „HELD, AUßENSEITER, IKONE

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